Folge 3: Ann Burgess – die Frau, die dem FBI beibrachte, wie man Mörder jagt

1975. Die USA. Zwei FBI-Agenten fahren durch das Land, sitzen in Gefängniszellen mit den gefährlichsten Männern Amerikas. Serial Killer – Serienmörder. Sie führen stundenlange Interviews, füllen Kassetten, sammeln Geständnisse.

Und haben absolut keine Ahnung, was sie damit anfangen sollen.

Dann kommt Ann Burgess.

Psychiatriepflegerin. Professorin für psychiatrische Krankenpflege am Boston College. Mutter von drei Kindern. Die FBI-Agenten laden sie ein – für einen einzelnen Gastvortrag über Opfer von Sexualverbrechen.

Sie hört sich die ersten Aufnahmen an. Und sagt dann einen Satz, der alles verändert:

„Das ist keine Forschung. Das sind nur Geschichten.“

Die Agenten starren sie an.

Sie erklärt: „Ihr stellt jedem Killer andere Fragen. Ihr habt keine Methodik. Ihr könnt die Interviews nicht miteinander vergleichen. Ihr sitzt auf etwas Außergewöhnlichem – aber so, wie ihr das macht, ist es wissenschaftlich wertlos.“

Und dann stellt sie die Frage, die alles auf den Kopf stellt: „Erzählt mir von den Frauen, die sie getötet haben.“

Die Agenten schauen sich an. Verlegen. Sie hatten die Täter nach den Opfern gefragt – klar. Aber Burgess meint etwas anderes. Sie will wissen: Wer waren diese Frauen wirklich? Wie alt? Wo hat der Täter sie gefunden? Was hat er gesagt, um ihr Vertrauen zu gewinnen? Wie hat er die Kontrolle übernommen?

Denn Burgess hatte sechs Jahre lang Überlebende von Vergewaltigungen interviewt. Sie hatte verstanden, wie Trauma wirklich funktioniert. Wie Macht und Kontrolle Gewaltverbrechen antreiben. Und sie wusste: Wenn man die Opfer versteht – wirklich versteht – dann versteht man den Täter.

Sie baut die gesamte Methodik des FBI von Grund auf neu. Strukturierte Fragebögen. Vergleichbare Datensätze. Die Grundlage des modernen Profilings, das heute weltweit eingesetzt wird.

1983 gibt es den ersten großen Test. Junge Jungen verschwinden in Nebraska. Werden ermordet. Burgess hilft, ein Täterprofil zu erstellen – basierend auf ihrer Methodik, ihrem Verständnis der Opfer, ihrer Wissenschaft.

Das Profil: junger weißer Mann, schmächtig, in einer Vertrauensposition gegenüber Kindern. Vielleicht Lehrer, Trainer, Pfadfinder-Betreuer.

Verhaftet wird: John Joseph Joubert IV. 20 Jahre alt. Pfadfinder-Betreuer. In seinem Besitz: ein Detektivmagazin mit einer angestrichenen Seite, die einen entführten Jungen zeigt.

Der Fall macht nationale Schlagzeilen. Kongress-Protokolle. Titelseiten überall.

Und in fast jedem Artikel werden zwei Namen gefeiert: die FBI-Agenten Ressler und Douglas.

Ann Burgess? Einmal erwähnt. Tief im Text vergraben.

1995 schreibt Agent Douglas das Buch „Mindhunter“. Bestseller. Kulturphänomen. Netflix-Serie. Von der Kritik gefeiert.

Sie erschaffen eine Figur, die auf Burgess basiert. Dr. Wendy Carr. Aber sie machen sie zur Psychologin statt zur Krankenschwester. Sie machen sie lesbisch. Kinderlos. Jemand, die ihre gesamte Karriere
aufgibt, um nach Quantico zu ziehen.
Nichts davon stimmt.
Als ihr Sohn die Serie schaut, ist er verwirrt. Das ist nicht seine Mutter.

Jahrelang kommen Menschen bei Konferenzen auf Burgess zu und fragen sie, wie es gewesen sei, in den 70ern beim FBI im Verborgenen zu leben.
Sie lächelt. Korrigiert sie sanft:
„Ich bin nicht lesbisch. Ich bin nicht nach Quantico gezogen. Ich bin Psychiatriepflegerin. Und ich habe drei Kinder.“

Die Leute schauen verwirrt. Als wäre die echte Geschichte – Mutter von drei Kindern, Professorin, revolutioniert das FBI-Profiling von Boston aus – irgendwie nicht interessant genug.

Dabei hat sie:

  • Den Begriff „Rape Trauma Syndrome“ geprägt – heute inüber 300 Gerichtsentscheidungen anerkannt.
  • Die wissenschaftliche Grundlage des modernen Profilings geschaffen.
  • Über 150 Forschungsartikel veröffentlicht.
  • Im Institute of Medicine der National Academy of Sciences gesessen.

Und die meiste Zeit dachten die Leute beim Thema Profiling an Männer in Anzügen in Quantico. Nicht an die Krankenschwester, die ihnen erklärt hat, wie es wirklich geht.

Erst 2021 – mit 85 Jahren – veröffentlicht Ann Burgess ihr eigenes Buch. „A Killer by Design“. Ihre Geschichte. In ihrer Stimme.
2024 folgt eine Doku-Serie auf Hulu, die sie endlich in den Mittelpunkt stellt. Die Reaktion? Schock.
Viele, die Mindhunter gesehen und die Bücher gelesen hatten, dachten, sie kennen die Geschichte.
Sie hatten keine Ahnung, dass die ganze Zeit eine Frau dabei war. Nicht als Randfigur. Nicht als Inspiration für eine Figur. Nicht als Fußnote.
Als diejenige, die in einen Raum voller FBI-Agenten gegangen ist, auf Kisten mit nutzlosen Interviews gezeigt hat und gesagt hat: „Ihr macht das falsch.“
Und dann gezeigt hat, wie es richtig geht.

Ann Wolbert Burgess ist heute 90 Jahre alt. Lehrt noch immer.
Forscht noch immer.
Und wir kennen endlich ihren Namen.


Wer sich gerne weiter über Ann Burgess informieren möchte, schaut hier:
Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Ann_Wolbert_Burgess
Offizielle Homepage: https://www.bc.edu/bc-web/schools/cson/faculty-research/faculty-directory/ann-burgess.html

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