Hier ist die Lebensgeschichte von Dr. Dorothea Christiane Erxleben, (1715-1762) geb. Leporin angelehnt an historische Fakten.
Es mag so um 1725 gewesen sein…
Wir befinden uns in der Stadt Quedlinburg im Harz, heute Sachsen-Anhalt.
Früher, Anfang des 18. Jahrhunderts…Preußen zugehörig.
Während andere Mädchen das Sticken und Kochen und Backen lernten, saß Dorothea Christiane Leporin über medizinischen Büchern. Der Geruch von Kräutern und Tinkturen erfüllte das Haus ihres Vaters, eines Arztes, und genau hier beginnt eine Geschichte, die ihrer Zeit weit voraus war.
Dorothea war ein schwächliches Kind, eine Erkrankung folgte der nächsten… nichts Ernstes, aber doch in der Weise, dass sie nicht richtig gedieh. Aber ihr Vater erkannte früh, was andere übersehen hätten: einen wachen Geist, unstillbare Neugier und einen Mut, der sich nicht beugen wollte.
Heimlich – und doch entschlossen – unterrichtete er sie in Anatomie, Medizin und Philosophie. Dorothea lernte Latein. Der Rektor der Quedlinburger Ratsschule gaben ihr privaten Lateinunterricht. Sie sezierte Texte, verstand Zusammenhänge, wo andere nur Regeln sahen.
Vor allen Dingen erkannte ihr Vater, dass sich ihr körperlicher Zustand enorm besserte, wenn sie mit ihrem wachen Verstand arbeiten konnte. Ihr jüngerer Bruder, der nach des Vaters Willen irgendwann Medizin studieren sollte, um später die Praxis zu übernehmen, profitierte ganz enorm vom Wissensdrang seiner Schwester, er wurde gleichzeitig vom Vater unterrichtet.
Es sollte anders kommen, Wegen verweigerter Wehrpflicht galt er als Deserteur, und der Sohn flüchtete in die nahe gelegene Landgrafschaft Hessen-Kassel. Später wurde er Arzt in Nienburg an der Weser. (Das war aber viel später)
Der Vater nahm die Kinder, vor allem aber Dorothea, ab einem Alter von 16 Jahren mit zu den Patienten, und so lernte sie die praktische Arbeit eines Mediziners auch von der Pike auf.
Schon zu dieser Zeit wurden Stimmen in der Bevölkerung laut, dass es unmöglich sei, einem Mädchen diese Dinge beizubringen.
Die Gesellschaft zog damals sehr klare Grenzen: Frauen hatten zu heiraten, Kinder zu bekommen – nicht zu studieren. Medizin war Männersache. Punkt.
Um aber approbierte Ärztin zu sein, musste Dorothea studiert haben. Die Universitäten ließen jedoch damals Frauen zum Studium nicht zu.
Sie begnügte sich aber nicht mit theoretischen Überlegungen, sondern setzte durch Personen, die von ihrem Wissensdrang beeindruckt waren, beim preußischen König Friedrich (dem Großen) durch, dass auf seine Anweisung hin 1741 die Universität Halle Dorothea Leporin zur Promotion zuließ. Sie war inzwischen 26 Jahre alt.
Diese königliche Sondergenehmigung nimmt sie aber erst Jahre später in Anspruch und das war der Grund:
Es gab einen Schicksalsschlag in ihrer Familie und damit änderte sich erst einmal alles für Dorothea.
Ihre Cousine war verstorben und hinterließ ihren Mann mit 5 Kindern. 1742 heiratete Dorothea ihn bekam selbst noch 4 Kinder, führte einen Haushalt mit den umfangreichen Pflichten einer Pfarrfrau, denn ihr Mann, Christian Erxleben, war Pfarrer.
Sie tat das ganz selbstverständlich und ohne zu klagen, ihr war ganz klar, dass sie sich mit ihren medizinischen Angelegenheiten nur befassen konnte, wenn der Haushalt läuft, und die Kinder versorgt sind. Ihr Mann, der 8 Jahre alter war als sie, hatte großes Verständnis für ihre Ambitionen, er unterstützte ihre Leidenschaft für die Medizin, und sie führten auch eine glückliche Ehe.
Doch ihr Traum ließ sich nicht ersticken
Sie behandelte Kranke, half Armen, heilte – ohne offiziellen Titel. Genau das brachte ihr Feinde. Ihrem Vater, der auch älter und kränklicher wurde war sie eine große Hilfe. 1747 stirbt ihr Vater und ab da bekommt sie von den Ärzten noch mehr Gegenwind, vor allem, als eine Frau stirbt. (Zeitzeugen sagen, sie wäre sowieso gestorben…) aber die Ärzte warfen ihr „Pfuscherei“ vor und wollten ihr das Heilen verbieten.
Es war der Moment, an dem viele aufgegeben hätten.
Dorothea tat das Gegenteil.
Mit ihrem scharfem Verstand und klarem Mut schrieb sie eine Streitschrift, die wie ein Donnerschlag wirkte. Sie wehrte sich mit der Schrift »Gründliche Untersuchung der Ursachen, die das weibliche Geschlecht vom Studieren abhalten« gegen die Vorurteile ihrer Zeit.
Sie prangerte die Ungerechtigkeit an, dass Frauen ausgebildet werden könnten, aber bewusst daran gehindert würden. Sie argumentierte logisch, sachlich – und unübersehbar klug.
Und dann kontaktierte sie den König erneut und bat um Hilfe.
Der König war zu dieser Zeit mit Voltaire befreundet, der mit einer in ganz Europa anerkannten Wissenschaftlerin liiert war. Émilie du Châtelet und Voltaire teilen das Interesse an Metaphysik und moderner Naturphilosophie. Der König war ein großer Freund von Voltaire und bewunderte ihn sehr. Vielleicht hat das auch ein wenig geholfen, seine Vorurteile gegen die Lernwilligkeit junger Frauen zu beeinflussen.
Jedenfalls geschieht für die damalige Zeit etwas Unerhörtes:
Der König erlaubte Dorothea Christiane Erxleben, zur Doktorprüfung zugelassen zu werden – eine Sensation. Noch nie zuvor hatte eine Frau in Deutschland diesen Schritt gehen dürfen. Das ist übrigens kurz nach der Geburt ihres 4. Kindes.
1754 trat Dorothea zur Prüfung an.
Ein Raum voller Männer. Skeptische Blicke. Erwartung, dass sie scheitern würde.
Doch sie sprach ruhig, präzise, überlegen. Sie argumentierte medizinisch fundiert, souverän, ohne zu zittern. Am Ende blieb kein Zweifel:
Dorothea Christiane Erxleben bestand – und wurde die erste promovierte Ärztin Deutschlands.
Ein einzelner Mensch hatte eine jahrhundertealte Mauer durchbrochen.
Bis zu ihrem frühen Tode 1762 (Frau Dr. Erxleben erkrankte an Brustkrebs, an dessen Folgen, einem Blutsturz, sie am 13. Juni 1762 starb) behandelte sie Kranke mit Erfolg und bewies damit auch praktisch die Argumente ihrer frühen Publikation, dass gleiche Bildungsmöglichkeiten für das weibliche Geschlecht notwendig und auch erfolgreich sind. Durch ihre Werke und ihre Leistung wurde sie zu einem vielzitierten Vorbild in der Geschichte der Frauenbildung und –Emanzipation.
Sie wurde nie reich, nie berühmt im modernen Sinne. Doch sie hinterließ etwas Größeres:
Einen Beweis. Den Beweis, dass Wissen kein Geschlecht hat.
Dass eine einzige Frau ausreichen kann, um die Regeln neu zu schreiben.
Heute mag ihr Name leise klingen. Doch jedes Mal, wenn eine Frau Medizin studiert, einen Doktortitel trägt oder sich gegen ungerechte Grenzen stellt, lebt Dorothea Christiane Erxleben weiter.
Nicht als Ausnahme – sondern als Anfang.
Quedlinburg ehrt diese außergewöhnliche Frau auch durch eine Dauerausstellung in einem Museum.
Ja, wie ging es dann weiter …
Kurzfassung: Es hängt stark vom Land ab, aber grob gesagt Ende des 19. Jahrhunderts durften Frauen erstmals offiziell Medizin studieren und den Doktortitel (Dr. med.) erwerben.
Ein paar wichtige Eckdaten:
International (frühe Pionierinnen)
1849 – USA: Elizabeth Blackwell war die erste Frau weltweit mit einem medizinischen Doktortitel (Dr. med.).
1860er–1870er – Schweiz: Die Schweiz war extrem fortschrittlich. Universitäten wie Zürich ließen Frauen früh zum Medizinstudium zu – viele internationale Studentinnen kamen dorthin.
Deutschland
Bis 1899: Frauen durften nicht regulär Medizin studieren, höchstens als Gasthörerinnen.
1900: Frauen wurden erstmals offiziell zum Medizinstudium zugelassen.
1901–1908: Die ersten Frauen promovierten regulär zur Dr. med.
Als absolute Ausnahme:
Erste approbierte Ärztin in Deutschland:
Dr. Dorothea Christiane Erxleben – allerdings schon 1754, aber als absolute Ausnahme mit Sondergenehmigung von Friedrich dem Großen (lange Zeit ohne Nachfolgerinnen).
Österreich
1900: Zulassung von Frauen zum Medizinstudium
Kurz danach erste Promotionen
Zusammengefasst
Regulär und dauerhaft: ab ca. 1890–1905, je nach Land
Weiterführend zu empfehlen ist der Podcast von Andrea Sawitzki: Siege der Medizin, Folge 43
https://www.youtube.com/watch?v=WufMmRHSPtg
Referentin des Vortrage und Autorin des Blogposts ist: Ingrid Jentjens


